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27.04.2004:
Rede: "EU-Ost-Erweiterung - Wandert der deutsche Mittelstand aus?"
Es gilt das gesprochene Wort
In zwei Tagen wird sich unser Europa um 10 weitere Staaten erweitern. 450 Millionen Menschen werden dann in diesem gemeinsamen Europa leben. Ein großartiger Erfolg.
Europa sichert nicht nur Frieden und Freiheit in einer globalisierten
Welt. Ein erweitertes Europa ist geradezu die Voraussetzung dafür,
dass sich Wohlstand nicht nur in den Beitrittsländern entwickeln
kann, sondern, dass wir die Chancen, unseren eigenen Wohlstand zu erhalten,
verbessern.
Wenn man es richtig macht!
Die EU-Erweiterung bietet für mittelständische Unternehmen gerade aus deutscher Sicht erhebliche Chancen. Rund 40 Prozent des EU-Handels der 10 EU-Beitrittsländer wird heute schon über Deutschland abgewickelt. Tendenz steigend.
Der deutsche Warenhandel mit den EU-Beitrittskandidaten ist mittlerweile so hoch wie der mit den USA (rd. 9,3Prozent, 113 Mrd. Euro 2003). Rund drei Viertel des Handels mit Mittel- und Osteuropa entfallen auf die Tschechische Republik, Polen und Ungarn.
Dies liegt vor allem daran, dass der Warenaustausch mit den Beitrittsländern zunehmend von den Erzeugnissen der Metall- und Elektroindustrie und des Fahrzeugsbaus geprägt wird, die unser Kerngeschäft ausmachen. Und diese Länder sind in diesen Branchen besonders stark. Ich komme gerade aus Polen. In den Beitrittsländern betreiben wir 3 Standorte: Zwei in Polen und einen in Ungarn.
Die deutschen Unternehmen investieren verstärkt in Produktionsstätten in diesen Ländern. Von 1995 bis 2001 sind die deutschen Direktinvestitionen in die Beitrittsländer um 430 Prozent auf fast 30 Milliarden Euro gestiegen. Nach einer Untersuchung der Bundesbank stecken alleine im osteuropäischen Verarbeitenden Gewerbe rund 15 Milliarden Euro an deutschem Investitionskapital. Mittelständische Unternehmer kämpfen um die Existenz ihres teilweise seit Generationen bestehenden Familienunternehmens und deren Arbeitsplätze in Deutschland. Das sie sich vom Bundestagspräsidenten und von Teilen der SPD als unpatriotisch beschimpfen lassen müssen, ist ein Skandal. Ich weise den Vorwurf im Namen der Mittelständler mit Nachdruck zurück.
Was mir große Sorgen macht, ist die Tatsache, dass immer weniger Wertschöpfung in Deutschland verbleibt. Die Wertschöpfung ist auf der Flucht! Der Motor des von Deutschland aus exportierten Audis, kommt inzwischen aus Ungarn, dessen Verkleidung aus Polen. Dennoch wird der Audi statistisch immer noch zu 100 Prozent dem deutschen Export zugerechnet. Wir wären schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig, wenn wir die Produktionsstätten in den osteuropäischen Ländern nicht hätten. Sie sind unsere Lebensversicherung, damit die Unternehmen am Standort Deutschland nicht sterben. Dies gilt gerade auch für den Mittelstand.
Wir müssen die Chancen, die die internationale Arbeitsteilung bietet,
erkennen und nutzen, um in Deutschland weiter produzieren und unternehmerisch
tätig sein zu können. Ich rechne damit, dass in den Jahren
2005 und 2006 das deutsche Bruttoinlandsprodukt aufgrund der EU-Osterweiterung
um rund einen halben Prozentpunkt stärker wachsen wird.
Für die meisten Unternehmen des industriellen Mittelstandes
ist die Erweiterung längst vollzogen. Man kann sogar
so weit gehen und sagen, dass die Unternehmen ein Problem
haben, die bislang noch nicht dort sind.
Die Löhne in Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn betragen rund ein Sechstel der unsrigen. In Rumänien und Bulgarien machen sie sogar nur ein Siebzehntel aus. Allerdings muss dies in Relation zur niedrigeren Produktivität setzen, das heißt also, niedrigere Löhne alleine entscheiden noch nicht über mögliche Verlagerungen. Wer in dem immer schärfer werdenden Wettbewerb auf den Weltmärkten überleben will, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als die arbeitsintensive Glieder der Wertschöpfungskette in Niedriglohnländer zu verlagern.
Ich rechne daher mit einem noch stärkeren Engagement deutscher
Unternehmen in den Beitrittsländern.
Aus drei Gründen:
- Firmen, die ihre Produktion oder Teile davon bereits verlagert haben, werden ihre Zulieferer bewegen, sich auch dort anzusiedeln.
- Bei den Faktoren, die für Betriebe auf Standortsuche entscheidend sind - die Steuern, Arbeitskosten, das allgemeine Investitionsklima und eine große Flexibilität - haben die Beitrittsstaaten gegenüber Deutschland deutliche Vorteile. (Arbeitskosten je Stunde in der Industrie: Ostdeutschland: 16,43 €, Polen 4,48 €, Tschechien 3,90 €, Slowakei 3,06 €, Ungarn sind es 3,83 €.)
- Mit der Übernahme des EU-Regelwerks durch die neuen Mitgliedsländer bewegen sich deutsche Investoren dort auf sichererem Terrain. Der Beitritt wird Erleichterungen insbesondere bei der Zollabfertigung und Bürokratie mit sich bringen.
Die deutschen Unternehmen brauchen die Erweiterung, um dauerhaft im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Was sie aber vor allem brauchen, sind wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen am Standort Deutschland.
Und hier machen mir insbesondere die neuen Bundesländer große Sorgen, denn die Produktivitätslücke zwischen Ost und West liegt immer noch bei ca. 30 Prozent. Im Jahr 2001 kamen 8,4 Prozent des ostdeutschen BIP aus dem Etat der Nürnberger Behörde.
Ostdeutschland trägt nur zu 5,8 Prozent zum gesamtdeutschen Export
bei.
Betrachtet man die neuen Länder als eine einzelne Volkswirtschaft,
dann hätte Ostdeutschland im Jahr 1999 ein Leistungsbilanzdefizit
von ca. 45 Prozent des BIP´s aufgewiesen. Das wäre im internationalen
Vergleich ein Rekordwert. Portugal hatte 1999 ein Leistungsbilanzdefizit
von 13 Prozent. Der Mezzogiorno, ebenfalls als einzelne Volkswirtschaft
betrachtet, hätte nur 14 Prozent.
Eine erschreckende Bilanz des Aufbaus Ost. Um diese Situation zu verbessern, geben wir den Unternehmen - insbesondere in den neuen Bundesländern konkrete Hilfestellungen.
Das „Europäische Beratungszentrum der deutschen Wirtschaft“ hier im BDI, unterstützt die Unternehmen mit Informationen und Beratung. Weiterhin ist es als Mitglied im europaweiten Netz der EIC in engem Kontakt mit anderen EIC auch in den Beitrittsländern. So können u. a. Kooperationsanfragen schnell und zielgerichtet bearbeitet werden. Wir beteiligen uns aktiv an der im Juni stattfindenden Leipziger Messe „Reallocation“, der Standortmesse für die neuen Bundesländer, für Mittel- und Osteuropa. Der Geschäftsführer, Herr Josef Rahmen, wird Ihnen gleich noch etwas dazu sagen.
Gemeinsam mit der Leipziger Messe werden wir im Rahmen der „Reallocation“ vom 22. bis 26. Juni 2004 mit mittelständischen Unternehmen eine Delegationsreise nach Polen, der Slowakei und Rumänien durchführen. Ziel ist es, konkrete Kontakte und Informationen vor Ort zu geben.
Die EU-Erweiterung ist eine große Herausforderung, aber eine noch
größere Chance für die mittelständischen Unternehmen.
Nutzen wir sie!


